Von einer "Assi-Schule" zur Preisträgerschule
Als die Eichendorffschule Erlangen im Jahr 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, rückte eine Schule ins bundesweite Rampenlicht, die lange Zeit kaum im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stand.
Eine Mittelschule wurde zur besten Schule Deutschlands gekürt – eine Nachricht, die viele überraschte und zugleich neugierig machte.
Doch die Geschichte der Eichendorffschule beginnt nicht mit dem Deutschen Schulpreis. Sie beginnt viele Jahre früher. Sie beginnt mit Menschen, die sich nicht mit bestehenden Herausforderungen zufriedengegeben haben. Mit Lehrkräften, die neue Wege gehen wollten. Mit Schülerinnen und Schülern, denen man mehr zutraute, als ihre bisherigen Bildungsbiografien oft vermuten ließen. Und mit einem Schulleiter, der davon überzeugt war, dass jedes Kind Potenzial besitzt.
Der Deutsche Schulpreis markiert deshalb keinen Endpunkt, sondern vielmehr einen Meilenstein auf einem langen Entwicklungsweg. Es ist die Geschichte einer Schule, die den Mut hatte, sich immer wieder zu hinterfragen und Schule neu zu denken.
Diese Seite soll einen Einblick geben. Sie möchte zeigen, wie sich die Eichendorffschule verändert hat, welche Ideen ihre Entwicklung geprägt haben und welche Menschen hinter diesem Wandel stehen.
Vielleicht liegt die wichtigste Botschaft dieser Schule nicht in einem Preis, sondern in der Erkenntnis, dass Veränderung möglich ist – wenn Menschen bereit sind, sie gemeinsam zu gestalten.
Schulethos
Die gemeinsam erarbeiteten Kickfair Werte ersetzen die Schulhausordnung im klassischen Sinne.
Die 7 Kickfair Werte sind:
- Wir können uns verstehen.
- Wir sind verschieden.
- Wir hören uns zu.
- Wir brauchen Raum.
- Wir haben Gefühle.
- Wir spielen und lernen zusammen.
- Wir sind uns nicht immer einig.
Diese werden im Sinne der drei Halbzeiten-Methode umgesetzt:
- Abmachung
- Reflexion
- Feedback
Steckbrief
Schulart: Mittelschule, 5. bis 10. Jahrgangsstufe
Ganztagsschule mit 18 Klassen
Anzahl der Schülerinnen und Schüler: ca. 400
Anzahl der Lehrkräfte: ca. 50
Schulmotto:
Ich Du Wir Gemeinsam
Die fünf Schulen
- KICKFAIR Schule
- ONE TAKE HEROES (Filmschule)
- Schule für Nachhaltigkeit
- Schule für Begegnungen
- Kreativschule
Die vier Bildungsprinzipien
- Wissen neu lernen
- Potenziale entfalten
- Zusammen leben
- Verantwortung übernehmen – Herausforderung meistern
Der Weg zur Veränderung –
wie alles begann
Als die Eichendorffschule Erlangen im Jahr 2023 den Deutschen Schulpreis erhielt, sahen viele Menschen vor allem den Erfolg. Was dabei leicht in Vergessenheit gerät: Die Auszeichnung war das Ergebnis eines Schulentwicklungsprozesses, der viele Jahre zuvor begonnen hatte.
Die Wurzeln dieser Entwicklung reichen sogar noch weiter zurück. Bereits während seines Studiums beschäftigte sich Helmut Klemm mit der Frage, welche Rolle Schule im Leben junger Menschen spielen kann. Für seine Zulassungsarbeit untersuchte er die Ernst-Penzold-Schule in Erlangen, die bereits als reine Ganztagsschule arbeitete. Dabei setzte er sich intensiv mit den Freizeitwünschen von Kindern und Jugendlichen auseinander und gewann erste Einblicke in ein Verständnis von Schule, das weit über Unterricht und Wissensvermittlung hinausgeht.
Geprägt wurde diese Sichtweise auch durch seine Erfahrungen in der offenen Jugendarbeit. Dort erlebte er, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit häufig außerhalb des Unterrichts entwickeln: in Begegnungen, in Gemeinschaften, durch Verantwortung und durch das Gefühl, ernst genommen zu werden. Für ihn wurde deshalb früh deutlich, dass Schule mehr leisten muss als die Vermittlung von Wissen. Sie muss Kinder und Jugendliche in ihrer gesamten Entwicklung begleiten.
Aus dieser Überzeugung entstand eine Vision, die Helmut Klemm später immer wieder formulierte: Schule muss ein Lebensort sein.
Als er im Jahr 2009 die Leitung der Eichendorffschule übernahm, sprach er bereits bei seiner Amtseinführung über die Idee einer Ganztagsschule. Für viele war dies zu diesem Zeitpunkt noch eine ungewöhnliche Vorstellung. Die damalige Hauptschule kämpfte mit einem schlechten Ruf. Häufig wurde sie als „Restschule“ bezeichnet – als Schulart für diejenigen, die auf anderen Bildungswegen keinen Platz gefunden hatten.
Gerade dieses Bild wollte Helmut Klemm verändern. Für ihn war klar: Auch Kinder, die eine Mittelschule besuchen, haben Anspruch auf die bestmöglichen Lernbedingungen, Wertschätzung und echte Zukunftschancen. Bildungsgerechtigkeit wurde zum Leitgedanken seines Handelns.
Gerade dieses Bild wollte Helmut Klemm verändern. Für ihn war klar: Auch Kinder, die eine Mittelschule besuchen, haben Anspruch auf die bestmöglichen Lernbedingungen, Wertschätzung und echte Zukunftschancen. Bildungsgerechtigkeit wurde zum Leitgedanken seines Handelns.
Ein prägendes Erlebnis aus den ersten Monaten als Schulleiter verdeutlicht, warum ihm dieses Anliegen so wichtig war.
Dabei prägte ihn eine Situation, als er bei einem Übertrittsabend an der Pestalozzi-Schule war, um die Eichendorffschule den anwesenden Eltern vorzustellen. Als er durch den Raum ging, hörte er zufällig ein Gespräch zwischen zwei Vätern.
Einer sagte zum anderen: „Dann musst du dein Kind eben auf diese Assi-Schule schicken.“
Helmut Klemm stellte sich daraufhin vor und antwortete: „Ich bin der Rektor dieser Assi-Schule.“
Die Bemerkung traf ihn. Gleichzeitig machte sie ihm deutlich, wie tief die Vorurteile gegenüber der Schulart und auch gegenüber der Eichendorffschule verwurzelt waren. Spontan sprach er an diesem Abend darüber, dass Hauptschülerinnen und Hauptschüler keine „Restschüler“ seien. Jedes Kind habe einen Wert, unabhängig von Noten, Herkunft oder Bildungsweg.
Diese Überzeugung sollte die weitere Entwicklung der Schule entscheidend prägen.
In den folgenden Jahren arbeitete Helmut Klemm gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft an Ideen für die Zukunft der Eichendorffschule. Dabei entstanden erste Konzepte für einen gebundenen Ganztag, neue Lernformen und eine Schule, die Kindern mehr Zeit für individuelle Entwicklung bieten sollte.
Im Jahr 2013 wurden diese Überlegungen erstmals konkreter. Im Rahmen von Gesprächen zur Ganztagsentwicklung stellte Helmut Klemm eine umfangreiche Konzeption vor, die bereits viele der späteren Grundgedanken der Schulentwicklung enthielt. Gleichzeitig war allen Beteiligten bewusst, dass sich Schulentwicklung nie vollständig planen lässt. Würden genügend Familien das Angebot annehmen? Würde das Kollegium den Weg mitgehen? Würden die neuen Konzepte im Alltag funktionieren?
Im Jahr 2014 folgte ein entscheidender Moment. Bei der Einweihung der neuen Schulküche nutzte Helmut Klemm den Besuch des Oberbürgermeisters, um die Einführung eines Ganztagskonzepts sowie bessere Lernbedingungen zu fordern. Die Idee stieß auf offene Ohren und die Stadt signalisierte Unterstützung. Die Schule wurde aufgefordert, ein Konzept vorzulegen.
Was viele nicht wussten: Dieses Konzept existierte bereits. Über Jahre hinweg waren Ideen gesammelt, Gespräche geführt und theoretische Grundlagen erarbeitet worden. Nun bot sich erstmals die Chance, diese Überlegungen in die Praxis umzusetzen.
Mit dem Schuljahr 2015/16 begann schließlich der systematische Schulentwicklungsprozess der Eichendorffschule.
Im Jahr 2014 folgte ein entscheidender Moment. Bei der Einweihung der neuen Schulküche nutzte Helmut Klemm den Besuch des Oberbürgermeisters, um die Einführung eines Ganztagskonzepts sowie bessere Lernbedingungen zu fordern. Die Idee stieß auf offene Ohren und die Stadt signalisierte Unterstützung. Die Schule wurde aufgefordert, ein Konzept vorzulegen.
Was viele nicht wussten: Dieses Konzept existierte bereits. Über Jahre hinweg waren Ideen gesammelt, Gespräche geführt und theoretische Grundlagen erarbeitet worden. Nun bot sich erstmals die Chance, diese Überlegungen in die Praxis umzusetzen.
Mit dem Schuljahr 2015/16 begann schließlich der systematische Schulentwicklungsprozess der Eichendorffschule.
2016 formulierte die Schulgemeinschaft schließlich vier Bildungsprinzipien, die bis heute das Fundament der pädagogischen Arbeit bilden:
- Wissen neu lernen
- Potenziale entfalten
- Zusammen leben
- Verantwortung übernehmen und Herausforderungen meistern
Diese Prinzipien machten deutlich, dass es bei der Schulentwicklung nicht nur um neue Unterrichtsformen ging. Es ging um ein neues Verständnis von Schule.
Rückblickend erscheint die Entwicklung der Eichendorffschule beinahe folgerichtig. Tatsächlich entstand sie Schritt für Schritt – aus einer klaren Haltung heraus: Jedes Kind besitzt Potenzial. Leistung bestimmt nicht den Wert eines Menschen. Und Schule muss ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, wachsen und ihren eigenen Weg finden können.
Schule neu denken – und schließlich neu leben
Mit der Einführung des Ganztags begann für die Eichendorffschule eine neue Phase. Die grundlegende Entscheidung war getroffen, zusätzliche Zeit für Lernen, Begegnung und individuelle Förderung war geschaffen worden.
Nun stellte sich jedoch eine entscheidende Frage: Wie füllt man diese gewonnene Zeit sinnvoll?
Schnell wurde deutlich, dass mehr Zeit allein noch keine bessere Schule macht. Wenn Schule tatsächlich ein Lebensort sein sollte, brauchte es auch neue Formen des Lernens und Zusammenlebens. Die Schulgemeinschaft begann deshalb, bestehende Strukturen zu hinterfragen und nach pädagogischen Konzepten zu suchen, die zu den Bedürfnissen ihrer Schülerinnen und Schüler passten.
Doch Veränderung entsteht nicht durch Konzepte auf dem Papier. Sie braucht Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Eine wichtige Rolle spielte deshalb das Kollegium. Viele Lehrkräfte erkannten früh die Chancen der geplanten Veränderungen und brachten eigene Ideen ein. Gleichzeitig gab es – wie bei jedem größeren Veränderungsprozess – auch Unsicherheiten.
An einen Moment erinnert sich die Lehrerin Irmi Distler besonders gut. Während eines gemeinsamen Kollegiumsausflugs auf das Walberla sprach sie Helmut Klemm direkt an:
„Wir wissen ja nicht,
wie ernst Sie es meinen.“
Hinter dieser Aussage steckte eine berechtigte Sorge. Helmut Klemm galt als engagierter Schulleiter mit klaren Visionen. Gleichzeitig hätte er durchaus andere berufliche Wege einschlagen können. Im Kollegium stellte man sich die Frage, ob die begonnenen Veränderungen Bestand haben würden oder ob ihr Initiator die Schule irgendwann verlassen würde.
Für viele war klar: Eine nachhaltige Schulentwicklung braucht Verlässlichkeit. Sie braucht Menschen, die bleiben und Verantwortung übernehmen. Dass Helmut Klemm seinen Weg an der Eichendorffschule fortsetzte, schuf das notwendige Vertrauen, um gemeinsam weiterzugehen.
Auf dem Weg der Entwicklung eines neuen, geeigneten Ganztagskonzepts für die Eichendorffschule, holten sich die Lehrkräfte Inspiration aus Berlin.
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen besuchte Helmut Klemm die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die bereits neue Formen des Lernens erprobt hatte. Begleitet wurde er unter anderem von der Lehrerin Irmi Distler sowie von Gabriele Leykauf, die später eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der mathematischen Lernumgebungen an der Eichendorffschule spielen sollten.
Dort erlebten die Besucherinnen und Besucher Lernbüroarbeit, Vollversammlungen, demokratische Beteiligungsformen und Unterrichtsstrukturen, die Schülerinnen und Schülern deutlich mehr Eigenverantwortung zutrauten.
Besonders beeindruckte ein Satz, den Kinder an der Berliner Schule immer wieder formulierten:
„Endlich traut man mir etwas zu.“
Für die Eichendorffschule wurde dieser Gedanke zu einer wichtigen Orientierung. Die Frage lautete nicht länger nur, was Schülerinnen und Schüler lernen sollen, sondern auch, wie sie lernen und welche Verantwortung sie dabei übernehmen können.
Zurück in Erlangen begann die eigentliche Entwicklungsarbeit. Nicht das gesamte Kollegium war von Beginn an begeistert. Manche Lehrkräfte standen den Veränderungen offen gegenüber, andere beobachteten die Entwicklung zunächst mit Skepsis. Doch eine Gruppe besonders engagierter Lehrkräfte übernahm Verantwortung und wurde zu den ersten Wegbereiterinnen und Wegbereitern der neuen Konzepte.
Zu diesen „Speerspitzen“ gehörten unter anderem Irmi Distler, Gabriele Leykauf, Stefan Kilian, Sabine Hättich und Martin Schreiber.
Sie übernahmen die ersten Ganztagsklassen, entwickelten Lernmaterialien, erarbeiteten neue Unterrichtsformen und sammelten Erfahrungen mit selbstständigen Lernprozessen. Schritt für Schritt entstanden Bausteine für das spätere Lernbüro. Ihre positiven Erfahrungen überzeugten nach und nach weitere Kolleginnen und Kollegen. Die Veränderung wurde nicht angeordnet, sondern wuchs aus dem gemeinsamen Erleben heraus.
2017 arbeitete schließlich das gesamte Kollegium die Lernbausteine für Deutsch, Mathe und Englisch für die Lernbüros. Die Bausteine wurden jedes Schuljahr für das darauffolgende gestaltet.
Dabei war der Schulleitung wichtig, dass Schulentwicklung nicht zum Experiment auf Kosten der Schülerinnen und Schüler wird. Jede Veränderung sollte fachlich fundiert sein und auf pädagogischen Überzeugungen beruhen. Neue Konzepte wurden deshalb sorgfältig vorbereitet, erprobt und weiterentwickelt.
Ein besonders sichtbares Ergebnis dieser Entwicklungsarbeit entstand im Fach Mathematik. Viele Schülerinnen und Schüler kamen mit negativen Erfahrungen und wenig Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten an die Eichendorffschule.
Gabriele Leykauf, Irmi Distler und Andy Flores entwickelten 2015/16 Materialien für die mathematische Lernwerkstatt.
Aus dieser Idee entstand später der „Raum der Mathematik“.
Dort lernen Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen fünf und sechs in einer vorbereiteten Lernumgebung selbstständig und in ihrem eigenen Tempo. Digitale Werkzeuge, individuelle Aufgabenstellungen und gezielte Unterstützung durch Lehrkräfte ermöglichen neue Zugänge zum Fach.
Der Raum der Mathematik wurde zu einem Symbol für die neue Lernkultur der Schule: weg von Defiziten, hin zu Potenzialen.
Mit den ersten Ganztagsjahrgängen wuchs auch die Möglichkeit, neue Lernformen dauerhaft zu etablieren.
Als die ersten Ganztagsklassen die siebte Jahrgangsstufe erreichten, begann 2017/18 die Arbeit in den Lernbüros. Schülerinnen und Schüler lernten dort zunehmend eigenverantwortlich, planten ihre Arbeit selbstständig und dokumentierten ihre Fortschritte.
Begleitet wurde diese Entwicklung durch weitere Elemente wie den Klassenrat, individuelle Lernzeiten, Campusangebote sowie die Fächer Verantwortung und Herausforderungen. 2017/18 startete die erste Jahrgangsstufe mit dem Fach Verantwortung und 2018/19 begannen die Schüler*innen der 8.Jahrgangsstufe als erste Gruppe mit dem Fach Herausforderungen. Dabei fuhr eine Schüler*innengruppe sogar nach China.
Die Idee dahinter war einfach und zugleich anspruchsvoll: Junge Menschen sollen lernen, Verantwortung für ihr eigenes Lernen und ihr eigenes Handeln zu übernehmen.
Lehrerin Irmi Distler beschreibt die Wirkung so: „Die Kinder merken, dass sie Lust auf Dinge haben und spüren, dass sie etwas können.“
Immer häufiger erlebte das Kollegium, wie Schülerinnen und Schüler eigene Stärken entdeckten, Herausforderungen annahmen und mit wachsendem Selbstvertrauen ihren Weg gingen.
Eine der größten Stärken der Eichendorffschule war jedoch die Zusammenarbeit innerhalb des Kollegiums. Lehrkräfte tauschten sich intensiver aus, entwickelten gemeinsam Ideen und unterstützten sich gegenseitig bei deren Umsetzung. Aus einzelnen Projekten entstand nach und nach eine gemeinsame pädagogische Haltung.
Gleichzeitig blieb die Schule offen für Weiterentwicklung. Neue Ideen wurden diskutiert, bestehende Konzepte hinterfragt und an veränderte Bedingungen angepasst. Dabei stand stets im Mittelpunkt:
Was brauchen unsere Schülerinnen und Schüler, um erfolgreich lernen und sich zu selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln zu können?
Aus einer Vision war inzwischen gelebter Schulalltag geworden. Die Schule hatte gelernt, sich selbst weiterzuentwickeln – gemeinsam, Schritt für Schritt und mit dem Mut, Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen.
Die Grundlagen für den späteren Deutschen Schulpreis waren damit gelegt.
Der Deutsche Schulpreis 2023 –
der Höhepunkt eines langen Weges
Als die Eichendorffschule im Jahr 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, schien dies für viele der große Durchbruch zu sein. Tatsächlich war die Auszeichnung jedoch nicht der Beginn einer Erfolgsgeschichte, sondern die Anerkennung eines Weges, den die Schule bereits viele Jahre zuvor eingeschlagen hatte.
Der Gewinn des Hauptpreises war das Ergebnis kontinuierlicher Schulentwicklung, gemeinsamer Anstrengungen und einer klaren pädagogischen Haltung. Doch bevor die Eichendorffschule zur „besten Schule Deutschlands“ wurde, gab es bereits einen ersten Anlauf.
Nominierung 2019
Im Jahr 2019 entschied sich die Schulgemeinschaft erstmals, sich für den Deutschen Schulpreis zu bewerben. Vorausgegangen war eine Evaluation der Schulentwicklung nach dem Modell von Dr. Klaus Wild von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Ergebnisse machten deutlich, dass sich die Schule auf einem vielversprechenden Weg befand. Gleichzeitig war den Verantwortlichen bewusst, dass sich viele Veränderungen noch im Aufbau befanden.
Die Lernbüroarbeit war erst kurz zuvor gestartet. Viele der neu entwickelten Konzepte befanden sich noch in der Erprobungsphase. Abschlussjahrgänge, die die gesamte Schulentwicklung durchlaufen hatten, gab es noch nicht. Entsprechend fehlten auch belastbare Ergebnisse, die die langfristige Wirkung der Veränderungen hätten belegen können.
Dennoch entschied sich die Schule zur Bewerbung. Rückblickend beschreibt Helmut Klemm diesen Schritt als einen Versuch. Niemand rechnete ernsthaft mit einer Auszeichnung. Umso größer war die Überraschung, als die Eichendorffschule tatsächlich zu den nominierten Schulen gehörte und zur Preisverleihung nach Berlin eingeladen wurde. Dort wurde vielen erstmals bewusst, welche Bedeutung der Deutsche Schulpreis innerhalb der deutschen Bildungslandschaft besitzt. Die Eichendorffschule gehörte plötzlich zu den besten Schulen des Landes.
Am Ende reichte es nicht für den Hauptpreis. Natürlich war die Enttäuschung zunächst spürbar. Schließlich hatten viele Menschen über Jahre hinweg viel Zeit, Energie und Herzblut in die Schulentwicklung investiert.
Doch die Reaktion der Schulgemeinschaft zeigte bereits damals, was die Eichendorffschule auszeichnet. Anstatt sich auf die eigene Enttäuschung zu konzentrieren, feierten Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit dem Kollegium die Gewinnerschule. Sie stellten sich um die Siegerinnen und Sieger und sangen: „So sehen Sieger aus.“
Auch ein Schüler brachte die Stimmung auf den Punkt: „Hey, wir waren zumindest nominiert.“
Lehrerin Irmi Distler formulierte später einen Gedanken:
„Wir waren noch nicht fertig.“
Die Nominierung erwies sich als wichtiger Meilenstein. Durch die Teilnahme wurde die Eichendorffschule Teil des Entwicklungsprogramms des Deutschen Schulpreises. Dort erhielt die Schule die Möglichkeit, sich mit anderen innovativen Schulen auszutauschen, neue Impulse aufzunehmen und die eigene Arbeit weiterzuentwickeln. Besonders prägend war die Zusammenarbeit mit der Schulentwicklungsbegleiterin Frau von Ilsemann. In regelmäßigen Treffen unterstützte sie die Schule dabei, bestehende Konzepte zu reflektieren, Entwicklungsziele zu schärfen und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.
Diese Begleitung gab Sicherheit und Bestätigung. Gleichzeitig wurden die Ergebnisse der Schulentwicklung immer deutlicher sichtbar. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die den Mittleren Schulabschluss erreichten, stieg deutlich an. Die Ergebnisse der Jahrgangsstufentests verbesserten sich. Besonders eindrucksvoll entwickelte sich die Erfolgsquote beim Qualifizierenden Mittelschulabschluss: Während zuvor rund 34 Prozent der Schülerinnen und Schüler erfolgreich abschlossen, stieg die Quote im Laufe der Schulentwicklung auf etwa 86 Prozent.
Für die Schulgemeinschaft waren diese Zahlen weit mehr als statistische Erfolge. Sie zeigten, dass die neuen Konzepte tatsächlich dazu beitrugen, Bildungschancen zu verbessern und mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.
2023
Die Rückkehr nach Berlin
Vier Jahre nach der ersten Nominierung bewarb sich die Eichendorffschule erneut um den Deutschen Schulpreis. Die Voraussetzungen hatten sich inzwischen verändert. Mittlerweile hatten mehrere Abschlussjahrgänge die Schule durchlaufen. Die Lernbüroarbeit war fest etabliert. Der Raum der Mathematik hatte sich bewährt. Die Bildungsprinzipien prägten den Schulalltag. Vor allem aber war im gesamten Kollegium ein gemeinsames Verständnis davon entstanden, wie Lernen an der Eichendorffschule gestaltet werden soll.
Als die Jury die Schule besuchte, standen deshalb nicht nur einzelne Projekte im Mittelpunkt. Entscheidend war die Frage, wie konsequent die pädagogischen Ideen im gesamten Schulalltag umgesetzt werden.
Besonders beeindruckten die Jury die Lernbüroarbeit, der Raum der Mathematik und die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern.
Helmut Klemm erinnert sich, dass vor allem eines deutlich wurde:
„An unserer Schule sind die Kinder richtige Persönlichkeiten.“
Am 12. Oktober 2023 war es schließlich so weit. Bei der feierlichen Preisverleihung in Berlin wurde die Eichendorffschule Erlangen mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet. Aus einer Schule, die viele Jahre mit Vorurteilen und einem schwierigen Image zu kämpfen hatte, war eine Schule geworden, die bundesweit als Vorbild wahrgenommen wurde. Für die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und die gesamte Schulgemeinschaft war dieser Moment eine Bestätigung dafür, dass sich Mut, Beharrlichkeit und gemeinsames Engagement lohnen können.
Gleichzeitig machte die Auszeichnung etwas sichtbar, das an der Eichendorffschule schon lange bekannt war: Dass gute Schulen nicht von den Voraussetzungen ihrer Schülerinnen und Schüler abhängen. Sie entstehen dort, wo Menschen an Potenziale glauben, Verantwortung übernehmen und bereit sind, Schule immer wieder neu zu denken.
Der Deutsche Schulpreis 2023 war deshalb nicht das Ziel der Reise.
Er war ein besonderer Moment auf einem Weg, der lange zuvor begonnen hatte – und der auch nach der Preisverleihung weitergehen sollte.
Nach dem Schulpreis
Mit dem Gewinn des Deutschen Schulpreises im Jahr 2023 erreichte die Eichendorffschule einen Meilenstein ihrer Schulentwicklung. Die Auszeichnung brachte bundesweite Aufmerksamkeit, zahlreiche Hospitationsanfragen und die Anerkennung für viele Jahre gemeinsamer Arbeit. Doch für die Menschen an der Schule stellte sich schon bald eine neue Frage:
Wie geht es nach dem Schulpreis weiter?
Für Lehrerin Irmi Distler ist die Antwort klar – der Deutsche Schulpreis markiert keinen Endpunkt, sondern einen Zwischenstand. Die Schule habe in den vergangenen Jahren gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen gemeinsam an eine Idee glauben. Nun gehe es darum, diesen Weg weiterzugehen.
Dabei spielt für sie vor allem eines eine wichtige Rolle: Die Eichendorffschule soll sichtbar bleiben. „Wir sind eine tolle Schule und müssen uns nicht verstecken.“, so Irmi Distler.
Der Deutsche Schulpreis habe dazu beigetragen, die Leistungen der Schule öffentlich wahrnehmbar zu machen. Gerade für eine Mittelschule sei dies von besonderer Bedeutung. Viele Jahre lang wurden Schulen dieser Schulart häufig unterschätzt oder mit Vorurteilen betrachtet. Die Auszeichnung habe gezeigt, welches Potenzial in den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und dem gemeinsamen pädagogischen Konzept steckt.
Gleichzeitig sieht Irmi Distler im Schulpreis auch einen Auftrag. Die Eichendorffschule dürfe sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Mutig zu bleiben, neue Ideen zu entwickeln und sich weiterzuentwickeln, gehöre mittlerweile zur Identität der Schule.
Diese Haltung prägt auch das Kollegium. Während früher viele Lehrkräfte vor allem für ihren eigenen Unterricht verantwortlich waren, hat sich in den vergangenen Jahren eine Kultur des gemeinsamen Arbeitens entwickelt. Ideen werden ausgetauscht, Projekte gemeinsam geplant und Herausforderungen miteinander bewältigt. Viele Entwicklungen entstehen heute nicht mehr aus einzelnen Initiativen, sondern aus der Zusammenarbeit zahlreicher Kolleginnen und Kollegen.
Für Irmi Distler ist genau diese Teamarbeit eine der größten Stärken der Eichendorffschule. Schulentwicklung sei keine Leistung Einzelner, sondern das Ergebnis gemeinsamer Verantwortung.
Auch bei den Schülerinnen und Schülern sieht sie die Auswirkungen der vergangenen Jahre. Die Jugendlichen verlassen die Schule heute häufig mit mehr Selbstvertrauen und einem klareren Blick auf ihre eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen, Herausforderungen anzunehmen und ihre Stärken zu erkennen. Gleichzeitig lernen sie, mit Schwierigkeiten umzugehen und Unterstützung einzufordern, wenn sie diese benötigen.
Dabei versteht die Eichendorffschule ihre entwickelten Konzepte keineswegs als abgeschlossen. Herausforderungen gibt es weiterhin. Nicht jede Idee funktioniert sofort, nicht jede Entwicklung verläuft geradlinig. Doch darin liegt eine der Stärken der Schule: Probleme werden wahrgenommen und offen angesprochen, ohne dabei die grundsätzlichen aufgebauten Systeme in Frage zu stellen.
Der Deutsche Schulpreis hat der Eichendorffschule Anerkennung gebracht. Viel wichtiger aber ist vielleicht etwas anderes: Er hat sichtbar gemacht, dass gemeinsame Zusammenarbeit und Schülerinnen und Schülern bedürfnisorientiert zu begegnen, sich auszahlt.
So bleibt die wichtigste Frage auch nach dem Schulpreis dieselbe wie zuvor:
Wie können wir Schule schüler*innenorientiert gestalten?
Die Antwort darauf wird an der Eichendorffschule weiterhin gemeinsam gesucht.
So war das damals – Erinnerungen und Meinungen von Schüler*innen und Lehrkräften
Was war dein erster Gedanke, als du wusstest, dass die Eichendorffschule den Hauptpreis gewonnen hat?
Irmi: Wow, wie cool ist das denn, endlich haben unsere Schüler eine Chance in der Öffentlichkeit positiv gesehen zu werden und müssen sich nicht mehr schämen auf eine Mittelschule zu gehen. Das ist der Anfang für eine Veränderung des Unterrichts. Jetzt haben wir eine Legitimation weiterzumachen und die Entwicklung kann nicht mehr von der Schulaufsicht verboten werden.
Aurelia: Mein erster Gedanke, als unsere Schule für den ersten Platz aufgerufen wurde, war, wir haben es einfach geschafft! Ich hatte keine Worte, ich wusste nicht, wohin mit meiner Freude.
Gibt es einen Moment der Preisverleihung, an den du dich besonders gut erinnerst?
Nina: Am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir die Spannung kurz vor der Verkündung des Gewinners. Als Frank-Walter Steinmeier schließlich unsere Schule genannt hat, war das ein Moment, in dem die gesamte Anstrengung und das Engagement der Schulgemeinschaft sichtbar wurden. Dass ich anschließend noch die Gelegenheit hatte, ein Foto mit ihm zu machen, und später der herzliche Empfang in Erlangen folgte, hat diesen Tag für mich unvergesslich gemacht.
Was hast du deinen Eltern und Freunden von der Verleihung erzählt?
Aurelia: Wenn ich von dem Tag erzähle, dann kann ich nur sagen, es war ein sehr schöner Tag mit sehr viel Freude. Er wird immer unvergesslich sein!
Was bedeutet der Deutsche Schulpreis für dich persönlich?
Nina: Für mich bedeutet der Preis vor allem Anerkennung für die ganze Schulgemeinschaft. Viele Menschen setzen sich jeden Tag dafür ein, dass die Schule gut funktioniert. Deshalb finde ich es schön, dass dieses Engagement durch den Preis sichtbar gemacht wird.
Wie ist es für dich, dass so viele Leute die Eichendorffschule besuchen kommen?
Irmi: Anfangs fand ich es nervig, dass dauernd Fotographen und andere vorbeikommen. Eigentlich wollte ich immer nur gute Schule machen und hatte Sorge, dass das bei dem Wirbel untergeht. Jetzt machen wir gute Schule und Gäste dürfen sich etwas abschauen, um selbst ihre eigene Schule besser zu machen. Es ist Alltag geworden, dass viele Gäste vorbeikommen und ich finde es schön zu sehen, wie stolz und souverän die Schüler über ihr Lernen sprechen.
Was magst du an der Eichendorffschule am meisten?
Nina: Ich finde am besten, dass der Schulalltag hier nicht nur aus Unterricht besteht, sondern stark durch die Schüler mitgestaltet wird. Man übernimmt Verantwortung und merkt, dass die eigene Meinung wirklich zählt. Für mich ist die Schule deshalb nie nur ein Ort zum Lernen, sondern auch ein Ort, an dem viel passiert und man sich wohlfühlen kann. Es gibt hier einfach einen gewissen „Flair“ im Alltag, der das Ganze besonders gemacht hat.
Warum glaubst du, hat die Eichendorffschule den Deutschen Schulpreis gewonnen?
Simon: Wegen dem Lernbürosystem.
Was fehlt an der Eichendorffschule in deinen Augen noch?
Simon: Klimaanlagen
Helmut Klemm im Porträt
Wer über die Entwicklung der Eichendorffschule spricht, kommt an einem Namen nicht vorbei: Helmut Klemm.
Als er 2009 die Schulleitung übernahm, brachte er nicht nur Ideen für die Weiterentwicklung der Schule mit, sondern vor allem eine klare Überzeugung: Schule muss mehr sein als ein Ort der Wissensvermittlung.
Geprägt durch seine Erfahrungen in der offenen Jugendarbeit verstand Helmut Klemm Schule schon früh als Lebensort – als einen Ort, an dem junge Menschen nicht nur lernen, sondern auch ihre Persönlichkeit entwickeln, Verantwortung übernehmen und ihre Stärken entdecken können. Diese Haltung wurde zum Fundament der späteren Schulentwicklung.
Besonders wichtig war ihm dabei der Einsatz für mehr Bildungsgerechtigkeit. In einer Zeit, in der die Hauptschule oft als „Restschule“ wahrgenommen wurde, vertrat er konsequent die Überzeugung, dass jedes Kind Potenzial besitzt und Wertschätzung verdient – unabhängig von Herkunft, Schulnoten oder Bildungsempfehlung.
Wer mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern spricht, hört häufig ähnliche Beschreibungen: sachlich, klar, beharrlich und überzeugt von seinen Zielen. Veränderungen wurden an der Eichendorffschule nicht eingeführt, weil sie modern wirkten, sondern weil sie pädagogisch sinnvoll und wissenschaftlich begründet waren. Diese Haltung überzeugte nach und nach immer mehr Menschen im Kollegium, den gemeinsamen Weg mitzugehen.
In den Jahren nach dem Schulpreis war er als Referent, Interviewpartner und Gastgeber zahlreicher Hospitationen gefragt. Zeitweise, so beschreibt er selbst, wurde er vom Schulentwickler zum Erzähler der Schulgeschichte. Doch gerade dadurch wurde ihm bewusst, wie sehr sein Herz weiterhin für den Alltag an der Eichendorffschule schlägt. Gegen Ende seiner Amtszeit merkte er, dass er wieder mehr Zeit in der Schule verbringen wollte – bei den Schülerinnen und Schülern, im Kollegium und in den täglichen Begegnungen, die Schule lebendig machen.
Mit seinem bevorstehenden Abschied verbindet sich deshalb nicht nur Stolz auf das Erreichte, sondern auch die Herausforderung des Loslassens. Nach vielen Jahren als Schulleiter gilt es nun, darauf zu vertrauen, dass andere den Weg weitergehen. Dass ihm dies gelingt, hängt auch damit zusammen, dass die Entwicklung der Eichendorffschule längst nicht mehr von einer einzelnen Person getragen wird. Die Ideen, Werte und Strukturen sind Teil der Schulkultur geworden.
Vielleicht ist genau das das größte Vermächtnis von Helmut Klemm: eine Schule geschaffen zu haben, die auch ohne ihn weiterdenken, weiterlernen und sich weiterentwickeln kann.
Sein Leitgedanke bleibt dabei bestehen:
Leistung bestimmt nicht den Wert eines Menschen.
Diese Haltung hat die Eichendorffschule geprägt – und wird weit über seine Amtszeit hinaus Bestand haben.
Mediathek
Die Eichendorffschule wurde 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Die unterschiedlichsten Medien haben darüber berichtet.
In unserer Mediathek finden Sie ausgewählte Dokumente von Presseberichten und weitere Unterlagen als PDF zum Download.